
Autor: Martin Konrad Zopf
Lesedauer: 5 Minuten
Der Garten ist für viele Menschen ein Ort des persönlichen Einkehrens und Bei-Sich-Ankommens, aber auch des andächtigen Sinnierens sowie der philosophischen Lebens- und Weltbetrachtung. Er mag Einsicht und Erkenntnis spenden. Kurzum: Der Garten ist ein Inspirationsraum zur Weisheit, aus der wir alltäglich schöpferische Lebenskräfte beziehen können.
„Oh, baby, it’s a wild world!“, konstatierte bereits Cat Stevens in seinem weltberühmten Song, um damit seine scheidende Lebenspartnerin zur Vorsicht vor einer lieblosen, gar ruppigen und garstigen Welt zu mahnen. Mutmaßlich wollte der britische Barde seiner angebeteten Geliebten damit aber auch verdeutlichen, dass sie nunmehr wohl ohne den trauten Schutz ihrer Liaison auskommen muss und die schmerzlich Vermisste – möglicherweise – damit doch noch zum Bleiben bewegen – trotz aller wohlwollenden Glückwünsche zum traurigen Abschied.
Wie dem auch sei und wie rau und unwirtlich unsere Lebensrealität so sein mag: deren Wahrnehmung bleibt wohl dem individuellen Erleben jedes Einzelnen in seiner ebenso einzigartigen Umwelt überlassen!
Schutzraum und Gartenglück
Fest steht aber: Ähnlich wie vielbesungene geborgenheitsgebende Liebespartnerschaften oder Familienbanden ist auch der Garten als „Umfriedeter Hortulus“ seit Menschengedenken bereits ein ebensolcher Schutzraum vor unliebsamen äußeren Einflüssen. In historischen Zeiten war dieser noch zur Abwehr von feindseligen Eindringlingen, wilden Tieren oder Naturgefahren angelegt. Demgegenüber zielen Schutzfunktion und Zweck des Gartens in unserer Zeit neben der Erfüllung profaner Allerweltsbedürfnisse wie Fußballspielen oder Grillen wohl eher auch auf geistig-seelische Unversehrtheit, Kontemplation und Inspiration sowie auf ganzheitliches Wohlbefinden, Entspannung und Gesundheit.
Ein altes chinesisches Sprichwort sagt angeblich so in etwa sinngemäß: „Möchtest du einen Tag lang glücklich sein, so betrinke dich. Suchst du das Glück für ein Jahr, so finde eine Frau. Willst du aber ein Leben lang glücklich sein: so schaffe dir einen Garten!“ Diesen Spruch zu verifizieren, möchte ich mir jetzt lieber nicht anmaßen – insbesondere nicht dessen heiklen Mittelteil bezüglich der Nachhaltigkeit des Liebesglücks. Böse Zungen mögen zudem auch behaupten, dass sich die Wahrhaftigkeit dieser Lebensweisheit ebenso erfüllt, wenn man bei dem Spruch anstelle von „Glück“ etwa „Arbeit“ einsetzt.
Der Garten und das Paradies
Naja, es ist jedenfalls augenscheinlich, dass die paradiesischen Vorstellungen einer vorgeschichtlichen kosmischen Harmonie über alle Zeiten und Sitten hinweg vom friedlichen Zusammenleben von Menschen, Tieren und Pflanzen in einem wunderlichen Garten getragen sind. Seien es Adam und Eva im alttestamentarischen „Garten Eden“, der geheimnisvolle Ort „Dilmun“ aus altorientalischen, mesopotamischen Mythen oder das „Goldene Zeitalter“ aus der griechisch-römischen Mythologie.
Auch in sumerischen Palastgärten oder den königlichen Gärten aus assyrischer, babylonischer oder altpersischer Hochkultur zeigt sich stets ein dementsprechendes Bild von beinahe überirdisch glückseliger Verbundenheit des Menschen mit dem Kosmos bei Friede, Freude und Eierkuchen.
Und man höre und staune, auch ein Heldenepos aus dem europäischen Mittelalter erzählt von „Avalon“, einem mythischen Apfelgarten, in den es den sagenumwobenen, keltischen König Artus auf seiner Suche nach dem Heiligen Gral verschlägt, und dort herrschen – guess what – natürlich: „Love, Peace and Happiness!“
Dabei bedeutet das aus dem Avestischen stammende, altgriechische Wort „Paradeisos“ zunächst einmal nichts anderes als „Eingezäunte Fläche“ oder „Umgrenzter Bereich“. Selbst das deutsche Wort „Garten“ zeigt eine ähnliche etymologische Herkunft und bezeichnet also ein mit einem Geflecht aus Weiden- oder Haselnussruten – sogenannten „Gerten“ – umfriedetes Landstück. Nebenbei gesprochen drückt sich deren Schutzbedeutung sogar in den verwandten Wörtern „Garde“ (dt.) bzw. „Guard“ (engl.) aus.
Der Gartenphilosoph und das gute Leben
So, jetzt fragt sich natürlich was wir mit all diesem schöngeistigen Bildungsschatz nun anstellen sollen. Für mich liegt dabei die fast schon naive, gar hanebüchene Einsicht nahe, dass aus einer derartigen Dominanz an Friedlichkeit, wie sie der Garten schon seit seiner Herkunft aus paradiesischen Urzuständen her ausdrückt, neben vollkommener Pflanzenpracht und Fauna wohl gar nichts geringeres als die allumfassende Weisheit erwachsen und gedeihen kann.
Entsprechendes muss sich wohl auch der griechische Gartenphilosoph Epikur gedacht haben, der in seinem Lustgarten namens „Kepos“ eine munter drauflos philosophierende und feiernde Festgemeinde versammelte, um sich freundschaftlich dem freien Geist, der Muse und leibeslustigen Lebensgenüssen hinzugeben und launig dem Wahren, Guten und Schönen zu frönen.
Und was kann dabei herauskommen, wenn man sich derart liebevoll lustwandelnd als garten- und landschaftsphilosophisches Original durch die Welt bewegt?
Die Weisheit des Gärtners
Der altehrwürdige französische Gärtner, Landschaftsarchitekt und Philosoph Gilles Clément etwa treibt seine feinsinnigen Gedankenspiele zu besonders geschmackvollen, gärtnerisch-intellektuellen Stilblüten und erlesenem Geistesfruchtgenuss.
Seine „Weisheit des Gärtners“ sowie sein Konzept des „Planetarischen Gartens“ und der „Dritten Landschaft“ haben es in sich und vermitteln eine tiefe Einsicht in das Leben und die Welt, wie sie im Grunde nur über die leibhaftige, körperliche Auseinandersetzung mit derselben gewonnen werden kann. Und eine ebensolche bietet das kernige Gartenhandwerk – österreichisch-umgangssprachlich liebevoll-augenzwinkernd gerne auch als „Garteln“ bezeichnet. Dabei kann anhand persönlich erlebten Erfahrungswissens nachvollzogen werden, was Clement mit „Garten in Bewegung“ oder „Genie der Natur“ gemeint haben mag. Die angesprochenen gartenphilosophischen Konzepte bleiben hier aber nur kurz angeteasert und werden an anderer Stelle ausführlich weiter vertieft.
Wer es jetzt aber schon gar nicht mehr erwarten kann, sich mit den Gedankenwelten hinter den hier so dreist hingeschmissenen Schlagwörtern zu befassen, dem sei gleich die Lektüre von Gilles Clément empfohlen: In den drei kleinen Büchlein „Die Weisheit des Gärtners“, „Gärten, Landschaft und das Genie der Natur – Vom ökologischen Denken“ sowie „Manifest der Dritten Landschaft“ ist zusammenfassend ein guter Einblick in sein garten- und landschaftsphilosophisches Werk gegeben.
Eine Auseinandersetzung mit Tiefgang besteht wohl ohnedies nur im praktischen Erleben von Clements schöpferischen Gartengestaltungen. Oder noch besser: Nehmt den eigenen Geist in die Hand, geht hinaus in Garten & Landschaft und greift an! Selbstverständlich unterstützen wir euch gerne dabei.
In diesem Sinne gilt einmal mehr:
„Das Feld … “ – oder sagen wir lieber gleich: „Der Garten ist offen für den Geist!“
Autor: Martin Konrad Zopf
Bild: Ausschnitt aus Hieronymus Bosch: „Der Garten der Lüste – Garten Eden“ (Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Garten_Eden)
